Drei Worte zu Clausnitz

Ich habe mir ja fest vorgenommen, Unmenschen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Clausnitz markiert aber gerade wieder einen medial gut dokumentierten Wendepunkt, nachdem mir doch die ein oder andere Zeile aus der Feder gerutscht ist.

Mal eine Frage an das „Begrüßungskommando“ von Clausnitz: Was geht bei euch eigentlich? Nicht viel, oder? Luftleerer Raum zwischen den Ohren? Ihr Hobby-Höckes, Pseudo-Petrys, Storch-Streitkräfte, Pretzell-Primitivos. Alliterationen kennt ihr doch von RTL, oder?

Da sitzt ihr also abends auf euren Sofas und mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit haben viele von euch keinen Job. Aber trotzdem seid ihr so ein bisschen müde vom Tag, ziemlich geplättet sogar von eurem feisten Abendmahl und der mollig warmen Heizungsluft in eurem gemütlichen Wohnzimmer. Naja, noch ein Bierchen, dann Bettchen.

Doch plötzlich geht die Kunde durch den Ort, dass da ein Bus Flüchtlinge anrollt. Und dann erhebt ihr euch aus euren Sofas, die irgendjemand im weit entfernten Ostblock für euch gezimmert und gepolstert hat. Ihr schaltet die „Assembled in China“-Glotze aus, wahrscheinlich das erste Mal seit heute Morgen. Ihr streift euch eure Primark-, H&M-, Kik- oder Zara-Jacke über, die so supergünstig war, weil Kinder in Bangladesh sich ihre Fingerchen blutig sticken. Und dann geht ihr mal wieder auf die Straße. Nee, nee, nee, nicht mit mir, sagt ihr euch. Diese Schmarotzer, da kann ja jeder kommen. Einer von euch setzt sich sogar in seinen Kleinwagen mit hässlichen, neongrünen Felgen und versperrt dem Bus den Weg, wenn ich das richtig gesehen habe. Der quatscht nicht nur, der tut wenigstens etwas, denkt ihr euch womöglich. Zuviel „Alarm für Cobra 11“ geschaut, vermute ich. Und dann steht ihr da, und ihr seid viele. Viele Deutsche, und das fühlt sich doch irgendwie gut an, oder? So zusammen für die eigene Sache. Mal wieder „Wir sind das Volk!“ skandieren, aus hundert Kehlen.

Es ist Klischee, aber ich vermute, viele von euch, die ihr diesen Bus auf eure unvergleichliche Art „in Empfang genommen habt“, leben von monetären Transferleistungen. Es ist Fakt, dass keiner, kein Einziger von euch, zu einer geistigen Transferleistung im Stande ist. Ihr greift ab, was geht, aber ihr begreift rein gar nichts.

Nun steht ihr also da, fühlt euch ziemlich stark, aber ganz vorne, in der ersten Reihe, da stehen eigentlich nur die Besoffenen. Die dorfbekannten Alkis, die schon immer ein bisschen extremer waren, die schon lange noch weniger merken als ihr. Und das muss man erstmal schaffen. Ihr hingegen, ihr haltet euch so ein bisschen im Hintergrund, grölt aus dem Schutz der Masse heraus, lasst eurer Wut mal freien Lauf, ohne ins Visier der Kameras zu geraten. Weil ihr eigentlich bloß ratlos seid. Fühlt sich zwar irgendwie geil an, so eine geballte Bürgerwehr. jeder hakt sich beim Nachbar ein und so, wie man früher im Bierzelt geschunkelt hat, ist man jetzt eben mal gemeinsam gegen etwas. Obwohl man seit Jahren nicht einmal mehr das Geringste füreinander getan hat. Und immer wieder blitzt eure Angst auf, sie lässt euch nicht los, diese diffuse, aber existenzielle Angst, für die ihr eine Zielscheibe sucht. Weil ihr die Hose gestrichen voll habt, weil ihr nicht wisst, wie eure Zukunft aussieht. Nobody knows, falls ihr das noch nicht auf den Schirm bekommen habt – und am wenigsten wissen es die, die da im Bus sitzen.

Allerdings habt ihr etwas, das euch keiner nehmen kann. Leider, muss man sagen. Ihr seid diesem Land in den Schoß gefallen. Und daraus zieht ihr eure vermeintliche Stärke. Geht’s eigentlich noch armseliger? Ihr umzingelt diesen Bus voller Menschen in Angst, und geilt euch daran auf, dass da jemand noch viel mehr Schiss hat als ihr. Und, das könnt ihr nicht verhehlen, ihr findet es auch ein bisschen geil, dass die gerade vor euch Schiss haben. Weil ihr sonst so klitzekleine Lichter seid. Endlich nimmt euch mal einer ernst, die werden schon sehen, nicht wahr? Ihr steht da, mit vereinten Kräften, und brüllt weinende Kinder an, die von Polizisten aus dem Bus gezerrt werden müssen. Weil sie sich nicht raus trauen.

Und spätestens da offenbart sich eure Hässlichkeit, denn Hässlichkeit kommt von innen, von ganz tief drinnen. Und dann möchte man – um es mit Willemsen zu sagen, von dem nun leider nur noch dieses Zitat die Runde macht – ja, dann möchte man, selbst als jemand, der Gewalt in jeder Form verachtet, mindestens „sechs Sorten Scheiße“ aus euren hässlichen Fressen der Unmenschlichkeit, der Empathielosigkeit, der Barbarei herausprügeln.

Ich wünsche jedem von euch, jedem Einzelnen, der um diesen Bus herumstand, die Scheiße an den Hals, durch die jene Menschen, die in diesem Bus saßen, in den letzten Wochen, Monaten, Jahren gegangen sind. Und wenn ihr da durch und überhaupt noch in der Lage seid, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wenn ihr gemerkt habt, was es heißt, auf der Flucht zu sein, tage-, wochen-, monate-, jahrelang, wenn ihr vor Scham im Boden versinkt, weil ihr Kindern grölend Angst eingejagt habt, dann klopft an die Tür derer, die ihr heute noch abfällig „Gutmenschen“ nennt. Sie werden euch die Tür öffnen, euch einen Teller hinstellen und euch ein Bett machen. Das ist der Unterschied zwischen uns und euch. Shame on you, ihr dummen, dummen W****er.

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