Prenzlauer Berg, 2016

Dort, wo ich wohne, kann ich Stühle für 5.000 Euro kaufen, Chai Latte für 4,50. Sogar Kaffee, dessen Bohnen mehrmals in allen Richtungen die Blutbahn von Einhörnern passiert haben. True story. Ich bekomme hier Lebensmittel, die sind so frei von allem, die dürften gar nicht da sein. Ich könnte jeden Tag in einem anderen Etablissement Yoga machen, zenbuddhistische Bodenwischtechniken erlernen und mir anschließend nach fernöstlichen Riten ausschließlich den kleinen linken Zeh massieren lassen. Ich kann hier Jeans kaufen für 800 Euro. Wohnungen für 10.000. Pro Quadratmeter. Sie brauchen Equipment für die nächste Himalaya-Expedition? Erstbesteigung oder Fortgeschrittener? Ich bekomme hier alles, was der moderne Großstadtmensch braucht. Auch Goji-Beeren, die wohl, erzählt man sich, gegen alles helfen. Wirklich alles, diese kleinen verrückten Wunderdinger. Versteht mich nicht falsch. Das ist alles wunderschön. Ich bin sehr gern dort, wo ich wohne. Ich könnte hier, wenn ich wollte, sogar den Fernkoitus in Workshops erlernen, „Spüren ohne zu berühren“ mit Inge und Lars, stand kürzlich am – welche Symbolik – Laternenmast. Und ich kann unter Anleitung hogwarts-zertifizierter Selbstfindungsanleitungskursgeber zu mir selbst finden. Jeden Tag aufs Neue, immer wieder ich, ich, ich.

Was ich allerdings nicht finde, dort, wo ich wohne, ist ein Laden, der mir mal kurz einen Schlüssel nachmacht. Jemand ’nen Tipp?

Prince-Tribute der Extraklasse

Prince, ja, war schon ’nen Großer, unbestreitbar. Naja, wenn ich die Sense schwingen würde, ich holte mir auch eher Lemmy, Bowie und Prince als die Puhdys. Ungerechte Welt. Grandioses Tribute hier von Jennifer Hudson und dem Broadway-Ensemble.

P.s.: Purple train, purple train….

Beerdigung british.

Wenn ich mal den Löffel abgebe, will ich, dass alle abgehen. Feiern, saufen, auf den Tischen tanzen. Also ungefähr so.

Und auf meinem Grabstein soll dann stehen: „Bis hierhin lief’s noch ganz gut.“
Schöne Reaktion übrigens von den Killers:

via musikexpress

Cruisin‘ down the street in my ’64 – Doku über N.W.A.

„Straight outta Compton“ steht ja immer noch auf der „To-watch-List“, aber irgendwie traut man sich an so etwas kaum noch ran. Zu oft sind die Kartenhäuser der eigenen Erinnerungen im Anblick müde gewordener Hip-Hop-Helden auf der Bühne oder Leinwand gnadenlos eingestürzt…und plötzlich kann man sich kaum noch erinnern, wie es eigentlich war, als man das ganze „Movement“ noch als wichtig, revolutionär, umstürzlerisch im Gedächtnis hatte. Nichtsdestotrotz: Das Ding hier kann man sich mal anschauen. Wenig Neues zwar und alles auch schön in die Storyline gedrückt, aber dennoch eine spannende Zeitreise: „N.W.A. – The World’s Most Dangerous Group“

1 for the treble, 2 for the bass….

Es gab da diese klitzekleine, wahrscheinlich vollkommen unberechtigte Hoffnung, nachdem ich vergangenes Jahr einem großartigen Jurassic5-Konzert im Astra beiwohnen durfte: Ich dachte, vielleicht, mit ganz viel Glück, setzen sich auch A Tribe Called Quest nochmal in den Flieger über den großen Teich. Tatsächlich bleiben ATCQ nun eine der wenigen Combos, die nicht mehr von der Bucket List gestrichen werden können. No hope left. Rest in Peace, Phife Dawg, oder wie Chuck-D sagt: Rest in Beats…und ein Klassiker zum Abschied.

Noisey: Bompton with Kendrick Lamar

Vice ist ja so ’ne Sache. Aber manchmal kommt was Sehenswertes bei raus. Viceland mit Kendrick Lamar in Compton. Bloods, Crips, Pirus, Campanella, Rosecrans – „California Zip“ war für mich übrigens ’ne neue Bezeichnung für die senkrechte Narbe, die von einem Bauchschuss bleibt.

„In all honesty, it’s not changing too much. I know a lot of people are saying it’s getting better, but i am the one that’s doing the funerals.“ (Pastor Fisher)

Drei Worte zu Clausnitz

Ich habe mir ja fest vorgenommen, Unmenschen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Clausnitz markiert aber gerade wieder einen medial gut dokumentierten Wendepunkt, nachdem mir doch die ein oder andere Zeile aus der Feder gerutscht ist.

Mal eine Frage an das „Begrüßungskommando“ von Clausnitz: Was geht bei euch eigentlich? Nicht viel, oder? Luftleerer Raum zwischen den Ohren? Ihr Hobby-Höckes, Pseudo-Petrys, Storch-Streitkräfte, Pretzell-Primitivos. Alliterationen kennt ihr doch von RTL, oder?

Da sitzt ihr also abends auf euren Sofas und mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit haben viele von euch keinen Job. Aber trotzdem seid ihr so ein bisschen müde vom Tag, ziemlich geplättet sogar von eurem feisten Abendmahl und der mollig warmen Heizungsluft in eurem gemütlichen Wohnzimmer. Naja, noch ein Bierchen, dann Bettchen.

Doch plötzlich geht die Kunde durch den Ort, dass da ein Bus Flüchtlinge anrollt. Und dann erhebt ihr euch aus euren Sofas, die irgendjemand im weit entfernten Ostblock für euch gezimmert und gepolstert hat. Ihr schaltet die „Assembled in China“-Glotze aus, wahrscheinlich das erste Mal seit heute Morgen. Ihr streift euch eure Primark-, H&M-, Kik- oder Zara-Jacke über, die so supergünstig war, weil Kinder in Bangladesh sich ihre Fingerchen blutig sticken. Und dann geht ihr mal wieder auf die Straße. Nee, nee, nee, nicht mit mir, sagt ihr euch. Diese Schmarotzer, da kann ja jeder kommen. Einer von euch setzt sich sogar in seinen Kleinwagen mit hässlichen, neongrünen Felgen und versperrt dem Bus den Weg, wenn ich das richtig gesehen habe. Der quatscht nicht nur, der tut wenigstens etwas, denkt ihr euch womöglich. Zuviel „Alarm für Cobra 11“ geschaut, vermute ich. Und dann steht ihr da, und ihr seid viele. Viele Deutsche, und das fühlt sich doch irgendwie gut an, oder? So zusammen für die eigene Sache. Mal wieder „Wir sind das Volk!“ skandieren, aus hundert Kehlen.

Es ist Klischee, aber ich vermute, viele von euch, die ihr diesen Bus auf eure unvergleichliche Art „in Empfang genommen habt“, leben von monetären Transferleistungen. Es ist Fakt, dass keiner, kein Einziger von euch, zu einer geistigen Transferleistung im Stande ist. Ihr greift ab, was geht, aber ihr begreift rein gar nichts.

Nun steht ihr also da, fühlt euch ziemlich stark, aber ganz vorne, in der ersten Reihe, da stehen eigentlich nur die Besoffenen. Die dorfbekannten Alkis, die schon immer ein bisschen extremer waren, die schon lange noch weniger merken als ihr. Und das muss man erstmal schaffen. Ihr hingegen, ihr haltet euch so ein bisschen im Hintergrund, grölt aus dem Schutz der Masse heraus, lasst eurer Wut mal freien Lauf, ohne ins Visier der Kameras zu geraten. Weil ihr eigentlich bloß ratlos seid. Fühlt sich zwar irgendwie geil an, so eine geballte Bürgerwehr. jeder hakt sich beim Nachbar ein und so, wie man früher im Bierzelt geschunkelt hat, ist man jetzt eben mal gemeinsam gegen etwas. Obwohl man seit Jahren nicht einmal mehr das Geringste füreinander getan hat. Und immer wieder blitzt eure Angst auf, sie lässt euch nicht los, diese diffuse, aber existenzielle Angst, für die ihr eine Zielscheibe sucht. Weil ihr die Hose gestrichen voll habt, weil ihr nicht wisst, wie eure Zukunft aussieht. Nobody knows, falls ihr das noch nicht auf den Schirm bekommen habt – und am wenigsten wissen es die, die da im Bus sitzen.

Allerdings habt ihr etwas, das euch keiner nehmen kann. Leider, muss man sagen. Ihr seid diesem Land in den Schoß gefallen. Und daraus zieht ihr eure vermeintliche Stärke. Geht’s eigentlich noch armseliger? Ihr umzingelt diesen Bus voller Menschen in Angst, und geilt euch daran auf, dass da jemand noch viel mehr Schiss hat als ihr. Und, das könnt ihr nicht verhehlen, ihr findet es auch ein bisschen geil, dass die gerade vor euch Schiss haben. Weil ihr sonst so klitzekleine Lichter seid. Endlich nimmt euch mal einer ernst, die werden schon sehen, nicht wahr? Ihr steht da, mit vereinten Kräften, und brüllt weinende Kinder an, die von Polizisten aus dem Bus gezerrt werden müssen. Weil sie sich nicht raus trauen.

Und spätestens da offenbart sich eure Hässlichkeit, denn Hässlichkeit kommt von innen, von ganz tief drinnen. Und dann möchte man – um es mit Willemsen zu sagen, von dem nun leider nur noch dieses Zitat die Runde macht – ja, dann möchte man, selbst als jemand, der Gewalt in jeder Form verachtet, mindestens „sechs Sorten Scheiße“ aus euren hässlichen Fressen der Unmenschlichkeit, der Empathielosigkeit, der Barbarei herausprügeln.

Ich wünsche jedem von euch, jedem Einzelnen, der um diesen Bus herumstand, die Scheiße an den Hals, durch die jene Menschen, die in diesem Bus saßen, in den letzten Wochen, Monaten, Jahren gegangen sind. Und wenn ihr da durch und überhaupt noch in der Lage seid, einen Fuß vor den anderen zu setzen, wenn ihr gemerkt habt, was es heißt, auf der Flucht zu sein, tage-, wochen-, monate-, jahrelang, wenn ihr vor Scham im Boden versinkt, weil ihr Kindern grölend Angst eingejagt habt, dann klopft an die Tür derer, die ihr heute noch abfällig „Gutmenschen“ nennt. Sie werden euch die Tür öffnen, euch einen Teller hinstellen und euch ein Bett machen. Das ist der Unterschied zwischen uns und euch. Shame on you, ihr dummen, dummen W****er.